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Über die Konferenz

Die Tagung will die Aufmerksamkeit auf ein Desiderat der Forschung richten – sowohl in zeitlicher wie inhaltlicher Ausrichtung. Das angedachte Forschungsdesign umfasst ein überaus breites thematisches Feld, das über ein umfangreiches Korpus an Texten und Materialien erschlossen werden kann. Der Zeitrahmen erstreckt sich vom Erlass und der Installierung moderner Schulgesetze in der Österreichisch-Ungarischen Monarchie im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts bis zum Beginn des 2. Weltkriegs im Jahr 1939. Es gilt für diesen Zeitraum, Erziehungs- und Unterrichtskonzepte im mitteleuropäischen Raum vorzustellen, ihre Relevanz anhand der um sie geführten Diskussionen zu analysieren, zu vergleichen und sie so in einen größeren diskursanalytischen Rahmen zu stellen.

Es ist deutlich, dass in dieser diskursiv-zeitbedingten Auseinandersetzung im mitteleuropäischen Raum einerseits sowohl pädagogische Modelle aus Österreich und Deutschland rezipiert werden und starken Einfluss entwickeln, dass aber anderseits in den einzelnen Ländern und Gebieten der Doppelmonarchie und später in den selbständigen Nachfolgestaaten nach eigenständigen pädagogischen Konzepten und Entwürfen gesucht wird. Gerade diese Rivalität, Konkurrenz und Überlappung übergeordneter und lokaler Diskurse brachte eine eigene Dynamik in die pädagogische Auseinandersetzungen und Diskussionen in den einzelnen Ländern. Die nach Emanzipation strebenden Nationen in Mitteleuropa artikulierten und entwarfen ihre eigenen Diskurse, um über den Bereich der Erziehung und des Unterrichts rasche Erfolge in der Nationalbildung erzielen zu können.

Die Konferenz fragt vor allem danach,

  • welche pädagogischen Maximen und Vorstellungen im gegebenen Diskursrahmen eine relevante Rolle spielten,
  • welche Diskursstränge die jeweilige nationale Diskussion beherrschten und damit andere konkurrierende Diskussionsmodelle verdrängten,
  • ob sich eine Regelhaftigkeit abzeichnet, nach welcher diese Diskurse konstruiert wurden,
  • welche Diskussionspraktiken relevant waren und in der Konkurrenzsituation an Bedeutung gewannen?

Im Fokus dieser Fragestellung öffnet sich eine große thematische Breite. Eine Eingrenzung der Themen – unter Berücksichtigung etwaiger gesetzgeberischer und administrativer Maßnahmen – auf folgende Schwerpunkte wäre zu wünschen, ist allerdings nicht Bedingung:

Analyse der Reaktion der Lehrerschaft auf die jeweils gegebenen gesetzlichen Vorgaben in den einzelnen Ländern,

  • Rekonstruktion der Professionalisierung-Prozesse hinsichtlich der Lehrerschaft,
  • deren Netzwerke in Verbänden, Vereinen oder losen Zusammenschlüssen (welche Formen von Zusammenarbeit von Lehrern existierten, oder ob ihre Kooperation eher von internationalen oder nationalen Züge geprägt war),
  • programmatische Positionierung und Aktionsweisen der Lehrerschaft selbst (Analyse relevanter pädagogischer Periodika; aus welcher Optik von Seiten der Lehrerschaft einzelne Gesetzen und Vorschriften kommentiert wurden).

Somit rückt – in Abhängigkeit von legislativen Vorgaben – die polyvalente Rolle der Lehrerschaft in den Prozessen der modernen Nationalbildung in multiethnischen Gebieten und Staaten des mitteleuropäischen Raumes ins Zentrum des Interesses.

Während der Tagung könnte über bereits bekanntes, neu betrachtetes Material, aber auch über ein breites Textkorpus an bislang noch nicht bearbeiteten Quellen – durchgespielt an wenig bekannten Fallstudien – letztlich die relevanten Erziehungs- und Unterrichtskonzepte, die im mitteleuropäischen Raum nicht nur eine dominierende, sondern auch eine experimentelle Rolle spielten, neu fokussiert werden.